Ätherrauschen

Kommentare zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

16. Jul 2018

Douglas Rushkoff, viel zitierter Medientheoretiker, Dozent, Autor etc. mit engen Verbindungen zur Open Source- und Cyberpunk-Community, wurde letzes Jahr für ein außerordentlich großzügiges Honorar in ein Resort für Superreiche eingeladen, um dort vor Investmentbankern einen Vortrag über die Zukunft der Technologie zu halten.

Nahm er jedenfalls an.

Im Resort angekommen, führte man ihn in einen Raum, in dem er dann fünf superreiche weiße Männer traf, die ihn eine Stunde lang zu diversen technologischen Themen befragten: Welche Kryptowährung hat die besten Chancen? Werden Quantenrechner jemals eine weitere Verbreitung erfahren? Langsam gingen die Fragen dann aber in eine andere Richtung: Welche Region wird am wenigsten vom Klimawandel betroffen sein? Wird man wirklich seinen Geist in einem Computer hochladen können? Wie kann man nach einem gesellschaftlichen Kollaps seine Sicherheitskräfte motivieren, einen vor dem Pöbel zu schützen, wenn Geld wertlos ist? Hilft es, den Zugang zu Nahrungsmitteln zu kontrollieren, und sind Disziplinierungshalsbänder eine Möglichkeit?

Diese Männer stellten also sehr konkrete Fragen danach, wie sie langfristig überleben können. Ihm ging dann rasch auf, dass sie fest davon überzeugt sind, dass die Gesellschaft eher in naher als in ferner Zukunft kollabieren wird, sei es durch ein globales Virus, einen Nuklearkrieg, den Klimawandel, einen globalen Infrastrukturkollaps durch Hacks oder eine ähnliche globale Katastrophe. Sie suchen einen Weg, dem irgendwie zu entkommen.

Das stellt das Interesse Superreicher wie Elon Musk (Tesla und Space-X) oder Jeff Bezos (Amazon- und Blue Origin-Chef und derzeit reichster Mensch der Welt) für Raumfahrttechnologie, künstliche Intelligenz und vor allem Informationstechnik in ein etwas anderes Licht. Es geht nicht (nur) darum, mit Raumfahrt Geld zu verdienen und das All als Ressource zu erschließen, sondern von der Erde fliehen zu können. Alternativ soll der Geist in einer Form überleben, die der Unsterblichkeit nahe kommt, beispielsweise indem er in ein sicheres Netzwerk hochgeladen wird. Für sie ist Technologie also kein Mittel zur Verbesserung der Welt, sondern ausschließlich für das eigene Überleben.

Ich halte diese ganze Prepper-Bewegung und ihren Glauben an die Apokalypse ja eigentlich für Schwachsinn. Aber dass sie offenbar so erfolgreich ist und nun auch auf die Superreichen mit all deren Möglichkeiten übergreift, ist doch irgendwie bedenklich und vermutlich ein Symptom für den Zustand der westlichen Gesellschaften.

Und mir stellt sich folgende Frage: Diese Leute mit Geld und Einfluss sind vom nahen Kollaps überzeugt und wollen unbedingt überleben. Wie beeinflusst das ihre Entscheidungen darüber, in welche Technologien sie investieren und wie sie ihr Geld nutzen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu lenken?

Besteht die Möglichkeit, dass sie bewusst oder unbewusst durch ihre Entscheidungen den Kollaps als sich selbst erfüllende Prophezeiung erst ermöglichen und herbeiführen?

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